Warum Praxislernen? – Für einen entscheidenden Schritt in Richtung Zukunft (Teil 2)

Welche Herausforderungen aktuell für Schulen bei der Beruflichen Orientierung bestehen, welche Potenziale Praxislernen den Schulen im Land Brandenburg bietet und wie man bei dessen Einführung am besten vorgeht, dazu gibt Anette Rauch, stellvertretende Schulleiterin der Peter Joseph Lenné Oberschule mit Grundschulteil in Hoppegarten, in unserem zweiten Interview der Reihe: „Warum Praxislernen?“ wertvolle Antworten.

1. Was sind derzeit die größten Herausforderungen für Schulen im Land Brandenburg bei der Beruflichen Orientierung von Schülerinnen und Schüler?

„Eine große Hürde liegt vor allem in der Akquise von Betrieben/Unternehmen. Denn obwohl diese grundsätzlich sehr an Praxislernen interessiert sind, stehen sie vor einigen Herausforderungen: das Alter der Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse, ein hoher Organisationsaufwand (ein Tag in der Woche über einen längeren Zeitraum: 5 Wochen), die Erstellung schülergerechter Arbeitsaufgaben und die Bereitstellung eines festen Ansprechpartners für Praxislernen.

Aufgrund der pandemischen Lage ist die Situation noch schwieriger geworden: Durch die Aufhebung der Präsenzpflicht sind manche Jugendliche für einen längeren Zeitraum nicht mehr in die Schule gekommen und nehmen so nicht mehr kontinuierlich an den Projekten und den PXL-Tagen teil. Zudem fielen viele Angebote der Beruflichen Orientierung aus. Nun gilt es entstandene Wissenslücken insbesondere in der Beruflichen Orientierung zu schließen.“

2. Welche Potenziale bietet das Praxislernen den Schülerinnen und Schülern für die eigene Berufliche Orientierung?

„Schülerinnen und Schüler erhalten wertvolle Einblicke in drei unterschiedliche Betriebe, lernen den Arbeitsalltag praxisnah kennen und sich selbst darin zurechtzufinden. Durch das Ausführen verschiedener Tätigkeiten in unterschiedlichen Berufsfeldern erkennen sie eigene Stärken und Schwächen, verbessern ihre Kommunikationsfähigkeiten und ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt. Idealerweise wissen sie im Nachhinein, in welchem Bereich sie ein Schülerbetriebspraktikum machen wollen oder welcher Bereich für sie erst einmal nicht infrage kommt.

3. Welche Erfahrungen haben Sie mit Praxislernen gemacht?

„Seit 2009 existiert an unserer Schule ein Konzept zur Berufsorientierung, später dann Berufs- und Studienorientierung kurz BoSTo- Konzept genannt. Beginnend in der Grundschule mit Vorstellung des Berufes eines Elternteils, auch wenn möglich mind. eine Betriebsbesichtigung, bis zur 10. Klasse wurden kontinuierlich weitere Angebote erarbeitet. Seit 2013 wird dieses BoSTo- Konzept jährlich evaluiert und angepasst. Im Schuljahr 21/22 führen wir erstmalig mit der Klasse 8b unser Projekt „Praxislernen in Betrieben“ als Pilotprojekt durch, eine Verstetigung ist geplant.“

4. Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einführung und Umsetzung von Praxislernen?

„Eine gute Planung ist unerlässlich. Für ein Pilotprojekt „Praxislernen in Betrieben“ muss eine Vorbereitungszeit von mindestens zwei Jahren angesetzt werden. Zudem ist die Bildung eines Praxislernen-Teams aus Lehrkräften, die sich von Anfang an für dieses Projekt mit Begeisterung einsetzen und kontinuierlich daran arbeiten, sehr wichtig. Das gesamte Kollegium muss gewonnen werden. Zudem müssen Betriebe und Unternehmen gefunden, Eltern informiert und Schülerinnen und Schüler für Praxislernen motiviert werden.“

5. Wie lief das bei Ihnen an der Schule? Wie sind Sie vorgegangen?

Wir arbeiteten eng mit der Gemeinde zusammen, um Betriebe /Unternehmen zu akquirieren, erstellten Informationsflyers, luden Betriebe / Unternehmen zu Informationsveranstaltungen in die Schule oder besuchten die Betriebe/Unternehmen vor Ort, um Praxislernen vorzustellen. Es ist vorteilhaft die Koordinierungsstelle Praxislernen mit einzuladen.  

Unsere Empfehlung ist es, erst einmal (nur) ein PILOTPROJEKT auf ein Schuljahr begrenzt zu planen und als Antrag an die Konferenz der Lehrkräfte zu stellen. Zudem ist die Bereitschaft aller Lehrkräfte notwendig, um das Schulinterne Curriculum der Klassenstufe 8 dem Vorhaben anzupassen, alle Lehrkräfte der Klassenstufe 8 in die Erstellung von Praxislernaufgaben einzubeziehen und schließlich Evaluierungen für mögliche Anpassungen festzulegen.

In regelmäßigen Treffen des Praxislernen-Teams während der Vorbereitungszeit und des gesamten Schuljahres sollten Themen wie Organisationsformen, Kooperationsverträge und -akquise, Vor- und Nachbereitungsphasen im Unterricht, Praxislernaufgaben und Evaluationsinhalte sowie -prozesse besprochen und festgelegt werden.